Datum: 21. Mai 2021
Autor*in: Catharina

Rezensionen

The Chronology of Water

“Lidia and I are in therapy together. That’s what she calls it. Technically it is more of a writing workshop, at least that’s what the rest of us would like to think.” (s. Ende der Rezension für die Übersetzung)

Mit diesen Worten leitet Chelsea Cain das Buch “The Chronology of Water”, geschrieben von Lidia Yuknavitch, ein und zeigt so die Essenz der Biografie auf. 

Auf 244 Seiten schüttet Yuknavitch ihr Herz aus, berichtet von ihrer Fehlgeburt, ihrem Leben zu Hause, eingepfercht zwischen einem gewalttätigen Vater und einer suizidalen Mutter, und ihrer Rettung – das Wasser, Schwimmen in Florida und einem Stipendium fürs College. Sie berichtet, wie sie dieses hinschmiss – es an Drogenkonsum und zu viel Sex verlor, berichtet von ihrem Schreibkurs mit Ken Kesey und von versteckten Notizbüchern, die die zarten Anfänge ihres Schreibens enthalten. Beschreibt verschiedenste Sexerfahrungen, ihren Sommer verbracht mit Sozialstunden und ihre gescheiterten Ehen und schließlich die eine, die funktionierte. Kurz um: Sie beschreibt ihr Leben, blutet auf jeder einzelnen Seite und entführt den Leser in ihre Welt, in ihren Kopf. Ihren Kopf, der so wunderbar wahre Sätze wie “Before my father was my father he was a boy. Just a boy. Before I hated him I loved him.” vollbringt. 

Yuknavitchs Schreibstil zeichnet sich durch eine Mischung von langen, durch nie endende, Kommata getrennte und kurze prägnante Sätze aus. Manche der Sätze verlieren sich, haben kein Ende, sind geprägt von Wiederholungen. Allerdings sind diese Sätze keineswegs störend, sondern verstärken vielmehr den Eindruck, dass der Leser sich direkt in Yuknavitchs Kopf befindet, so wirkt die Passage “Year 10 you said you would love me until I died you said we would die together in love you said when I was 75 we’d laugh our saggy skinned laughs and drink to our old ass love you said it to me you did every year until you stopped saying it where are you where is the man who would love a woman like me there are no men if not you there never were any men for me not even a father I stop eating lose 25 pounds everyone says everyone says you look so beautiful.” keinesfalls störend, sondern reflektiert vielmehr die Verzweiflung, die die Autorin in dieser Situation fühlte. 

Wie im einleitenden Zitat deutlich wird, sieht die Autorin das Schreiben als eine Art Therapie und Mittel zur Verarbeitung von Erlebnissen, welches sich auch im Laufe des Romans bestätigt, in welchem Yuknavitch von mehreren ihrer Geschichten berichtet und in diesem Zusammenhang erklärt, welche Erlebnisse in ihrem Privatleben diese Geschichten inspirierten. Daraus lässt sich schließen, dass sie mit ihrer Autobiografie ihr Leben verarbeiten will und gleichzeitig, wie der Satz “If you have ever fucked up in your life, or if the great river of sadness that runs through us all has touched you, then this book is for you.” zeigt, Leuten, denen es ähnlich geht wie ihr, zeigen will, dass sie nicht alleine sind. 

~~~

Übersetzungen:

“Lidia und ich sind zusammen in Therapie. So nennt sie es jedenfalls. Technisch gesehen ist es eher ein Schreibkurs, zumindest würde der Rest von uns das gerne glauben.”

“Bevor mein Vater mein Vater war, war er ein Junge. Nur ein Junge. Bevor ich ihn hasste, liebte ich ihn.”

“Jahr 10 du hast gesagt, du würdest mich lieben bis ich sterbe, du hast gesagt, wir würden zusammen in Liebe sterben, du hast gesagt wenn ich 75 bin würden wir lachen, unsere schlaffe Haut lacht und wir trinken auf unseren alten Arsch Liebe du hast es zu mir gesagt du hast es jedes Jahr getan bis du aufgehört hast es zu sagen, wo bist du wo ist der Mann, der eine Frau wie mich lieben würde, es gibt keine Männer, wenn nicht du, es gab nie irgendwelche Männer für mich, nicht einmal einen Vater, ich höre auf zu essen, verliere 25 Pfund, jeder sagt jeder sagt du siehst so schön aus.”

“Wenn du jemals in deinem Leben Scheiße gebaut hast oder wenn der große Fluss der Traurigkeit, der durch uns alle fließt, dich berührt hat, dann ist dieses Buch für dich.”

Pin It on Pinterest